3 Zola und der Naturalismus: Die Wissenschaft als Vorbild


Zola und der Naturalismus: Die Wissenschaft als Vorbild

Zola und der Naturalismus: Die Wissenschaft als Vorbild
 
Der Naturalismus war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine ebenso bedeutende wie umstrittene literarische Bewegung. Als ihr wichtigster Vertreter gilt Émile Zola. Doch wie keine Strömung aus dem Nichts entsteht oder für sich genommen ihre Zeit repräsentiert, war der Naturalismus eine Weiterentwicklung des Realismus und konkurrierte mit anderen literarischen Strömungen, wie etwa, in der Lyrik, dem Parnass und dem Symbolismus. Ein wichtiges Bindeglied zwischen den Realisten und den Naturalisten waren die Brüder Edmond und Jules de Goncourt, deren Roman »Germinie Lacerteux« 1864 ein Skandalerfolg war. Mit schonungsloser Offenheit erzählt er die Lebensgeschichte eines Dienstmädchens, ihren sozialen und psychischen Abstieg. Nicht nur der proletarische »vierte Stand«, sondern auch das Hässliche und Krankhafte wurde - wie schon bei Baudelaire - literarisch interessant und mit wissenschaftlicher Genauigkeit beschrieben. Zolas erster naturalistischer Roman, »Thérèse Raquin« (1867), verrät diesen Einfluss. Das programmatische Vorwort zur zweiten Auflage lässt Zolas Absicht erkennen, mit chirurgischer Präzision das Wirken der Natur in den seelenlosen Figuren zu erforschen und darzustellen.
 
Die naturalistische Ästhetik entstand unter dem Einfluss der positivistischen Philosophie und der zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Theorien. Der Philosoph Auguste Comte hatte, vor allem in seiner »Abhandlung über die positive Philosophie«, die Auffassung entwickelt, nur das tatsächlich Gegebene, »positive«, könne erkannt, systematisch untersucht und für die weitere Entwicklung der Menschheit, für Fortschritt und Demokratisierung, nutzbar gemacht werden. Der Kulturkritiker und Historiker Hippolyte Taine übertrug diese philosophische Theorie auf die Literatur. Im Bemühen, die Geisteswissenschaften mit dem gleichen Objektivitätsanspruch wie die Naturwissenschaften zu versehen, führte Taine das Entstehen und das Wesen literarischer Kunstwerke auf die drei bestimmenden Faktoren »Rasse«, »Milieu« und »historischer Moment« zurück. Gemeint sind damit die biologischen Erbanlagen sowie die räumlichen und zeitlichen Umwelteinflüsse, die den Menschen - den Schriftsteller und die literarischen Figuren - vollständig determinieren und somit auch erklärbar machen. Großen Einfluss auf die naturalistische Ästhetik Zolas, die am deutlichsten in seiner Essaysammlung »Der Experimentalroman« (1880) zum Ausdruck kommt, hatten auch Darwins Evolutionstheorie, die Vererbungslehre von Prosper Lucas und vor allem die Experimentalmedizin Claude Bernards. Letztere versuchte Zola fast wörtlich auf den Roman zu übertragen, und er kam auf diese Weise zu einer Theorie der mechanischen Abhängigkeit des Menschen von Naturgesetzen und sozialen Faktoren. Diese doppelte Determiniertheit des willenlosen Menschen solle auch der Romancier erkennen und in seinen Romanfiguren darstellen. Damit sei der Schriftsteller auf der Höhe der zeitgenössischen Wissenschaft, der er durch seine »Experimentalromane«, die soziale und psychische Probleme sozusagen im Labor simulieren, gleichzeitig zu ständigem Erkenntnisfortschritt verhelfe. Das schöpferische Genie des Autors sei bei aller Wissenschaftlichkeit gleichwohl vonnöten.
 
Zolas Hauptwerk ist der 20-bändige Romanzyklus »Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich«, der 1871 bis 1893 erschien. Schon der erste Plan von 1869 verrät die doppelte Absicht Zolas, in der auf eine Familie konzentrierten Darstellung die Herrschaft von Veranlagung und Milieu auf eine Gruppe von Menschen mit wissenschaftlicher Präzision zu schildern und darin gleichzeitig beispielhaft die gesamte Epoche des Zweiten Kaiserreiches unter Napoleon III. (1852-70) zu charakterisieren.
 
Geschildert wird über mehrere Generationen das Schicksal der Familien Rougon, Macquart und Mouret, die den legitimen und den illegitimen Zweig der durch die gemeinsame Vorfahrin Adélaide Fouque begründeten Sippe bilden. Schwachsinn und Trunksucht begleiten die Nachkommen von Anfang an als Erblast beim Auf- und Abstieg durch alle gesellschaftlichen Schichten, in Paris und in der Provinz: Die großbürgerlichen Kreise der Politik (»Seine Excellenz Eugène Rougon«) und der Wirtschaft (»Die Beute«), das Kleinbürgertum (»Der Bauch von Paris«) und schließlich das Proletariat (»Nana«) bilden das jeweilige Milieu. Zahlreiche Berufe, vom Minister über den Priester bis zur Prostituierten, sind vertreten. In »Germinal« wird die »soziale Frage« am Beispiel des blutig niedergeschlagenen Streiks der nordfranzösischen Bergarbeiter thematisiert, »Die Erde« zeichnet die Schattenseiten des Landlebens. Brutaler Egoismus und rücksichtsloser Aufstiegswillen kennzeichnen fast alle Personen, die so zum Spiegelbild einer Epoche werden, deren blutiger Beginn im Staatsstreich Napoleons III. mit der ersten blutigen innerfamiliären Auseinandersetzung in »Das Glück der Familie Rougon« zusammenfällt. Der beispielhafte Untergang einer Familie wird mit dokumentarischer Präzision, Wahrheitsanspruch und aufklärerischer Absicht beschrieben, die zeitgenössischen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen jedoch auch symbolisch überhöht: Die Menschen sind wie im antiken Drama dem blinden Schicksal ausgeliefert, und die moderne Technik wird zum neuen Mythos, so im Roman »Die Bestie im Menschen«.
 
Das Monumentalwerk erinnert an Balzacs »Menschliche Komödie«, an die Zola bewusst anknüpfte. Er betonte jedoch auch die Unterschiede: die Beschränkung auf eine Familie, die Wissenschaftlichkeit des Vorgehens, das keine vorgefassten Prinzipien, sondern nur naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten zugrunde lege, das einmalige Auftauchen von Personen. Die biologische Vererbungslehre bildet den strukturierenden roten Faden des anspruchsvollen Zyklus, der zunächst im Zeitungsfeuilleton erschien und seinem Autor neben dem literarischen auch beträchtlichen wirtschaftlichen Erfolg eintrug. Es wäre jedoch falsch, den französischen Naturalismus mit Émile Zola identifizieren zu wollen, auch wenn dieser sich als unbestrittener Kopf der Bewegung am konsequentesten vom Vorbild der Wissenschaft determinieren ließ: Seine Freunde und Schüler, die sich regelmäßig in seinem Landhaus in Médan trafen, verfassten gemeinsam mit dem Meister den Novellenband »Les soirées de Médan« (1880); darunter waren Paul Alexis, Huysmans und Maupassant. Die bevorzugte Gattung war der Roman, besonders Zola bemühte sich jedoch auch um ein naturalistisches Theater. Der Naturalismus geriet spätestens 1887 in eine innere Krise, als jüngere Mitstreiter sich im »Manifest der fünf« von der allzu bodenständigen Ästhetik Zolas distanzierten - wie zuvor bereits Huysmans und andere Autoren, die ihre naturalistische Phase überwunden hatten.
 
Der bekannteste Autor aus dem »Médan-Kreis« ist sicher Guy de Maupassant. Er stand Zolas Naturalismus, aber auch Flauberts Ästhetik nahe. Bekannt wurde er durch seine zeitkritischen Novellen, deren Protagonisten häufig einfache Leute seiner Heimat, der Normandie, sind. Seine psychologisch einfühlsamen Werke beschreiben und kritisieren die bürgerliche Welt; Maupassants Werk lässt erkennen, wie das positivistische Vertrauen des Bürgertums auf Fortschritt, technische Entwicklung und Wohlstand im »Fin de siècle« zunehmend in die Krise geriet.
 
Ludger Scherer
 
 
Französische Literaturgeschichte, herausgegeben von Jürgen Grimm. Stuttgart u. a. 31994.
 Köhler, Erich: Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, herausgegeben von Henning Krauss. Band 6: Das 19. Jahrhundert. Stuttgart 1984—87.

Universal-Lexikon. 2012.

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